Die Grüne Kutsche – vom Aussteigen und Leben

Mitte August 2019 gehe ich mit meinen Tieren und Freundin Christiane und ihrer Labradorhündin Pretty eine Runde an der Elbe spazieren. Es ist warm und die Fellnasen kühlen sich gerne im Wasser ab. Zurück im Dorf machen wir eine Entdeckung. Auf der großen Elbwiese vor dem Radweg stehen 2 große parkende Kutschen mit 9 grasenden Pferden davor, eine Ziege und eine vierköpfige Familie mit 2 Hunden, welche da offensichtlich campt. Wir sind neugierig, aber wollen nicht direkt überfallen und gehen erst einmal weiter.

Tage später sind sie immer noch da und ich lese das Schild „Heilpraktiker & Schmied“ an einen der Planwagen. Perfekt, denn Jux Hufe benötigen eine fachmännische Bearbeitung. Wir nähern uns und werden sofort freundlich begrüßt. Familie Schneiders stellt sich vor: Barbara, Daniel und ihre erwachsenen Kinder Sarah und Julian. Spontan können auch direkt Jux Hufe bearbeitet werden. Während Daniel professionell schneidet und raspelt und Julian assistiert, unterhalten wir uns alle ganz offen und angeregt. Familie Schneiders erzählt mir und Christiane, welche mich begleitet, das sie bereits seit über 2 Jahren mit ihren Kutschen und Tieren durch Deutschland reisen. Sie machen kurze oder längere Rast, dort wo es ihnen gefällt und haben schon so manches Abenteuer erlebt. Die Atmosphäre ist total schön – wir stehen im Schatten unter Bäumen, Grillen zirpen, Pferde schnauben und Familie Schneiders ist total herzlich, offen und ich habe das Gefühl, als würde man sich schon viel länger kennen, als eben 15 Minuten.

Früher arbeitete Daniel bei Siemens in Berlin und Barbara leitete ein Hotel, die Kids gingen zur Schule. Sie hatten eine Abmachung: Wenn sie kein echtes Lächeln mehr auf den Lippen tragen könnten, würden sie aussteigen. Als Sarah und Julian mit der Schule fertig waren, wagten sie es. Sie zogen gemeinsam los. Raus aus der Komfortzone, raus aus dem Hamsterrad und rein ins Leben. Was für ein Mut! Ich bewundere sie.

Jux Hufe sind fertig und wir trinken ein Glas Wasser zusammen. Mein kleines Pony ist fasziniert von Hazel, der Ziege. Hazel wurde per Hand von Barbara aufgezogen, sie rettete ihn und er ist wie ein Hund immer dabei. Ich unterhalte mich mit Daniel über alternative Heilmethoden und Reiki. Er möchte es sehen und bittet um eine Demonstration an Jux. Ich lege meine Hände auf den kleinen Ponymann, erkläre dabei was ich tue und wahrnehme. Daniel steht neben mir und sagt nun, was er empfindet. Er bestätigt mich in meiner Arbeit und sagt mir direkt, aber sanft, persönliche Sachen über mich und Themen, die ich noch aufarbeiten und loslassen darf. Ich muss spontan an Tamme Hanken denken, der ja auch eine Gabe hatte. Christiane und ich verbringen noch eine ganze Weile des Nachmittags bei der gastfreundlichen Familie und verabreden uns auf die kommenden Tage.

Wir besuchen die Aussteigerfamilie regelmäßig auf unseren Runden. Wir reden über Gott und die Welt, lauschen gespannt ihren abenteuerlichen Reisegeschichten, ich helfe Sarah beim Spanisch lernen, und wir schmunzeln über unsere Tiere. Jux ist schwer verliebt in die kleine Classic Pony Stute und lässt nichts unversucht. Aber sie hat wenig Interesse und bleibt lieber bei ihrem Kaltbluthengst, der von der eingezäunten Koppel aus eifersüchtig nach ihr ruft. Das schöne große Tier hält seine Herde zusammen und wir beobachten gespannt die Pferde in ihrem natürlichen Verhalten. Selbstverständlich achten wir auf Sicherheit und einen gesunden Abstand für Jux.

Mittlerweile hat sich der Aufenthalt der Lebenskünstler im Dorf herumgesprochen und es ist selten, das sie keinen Besuch haben. Jeder wird herzlich begrüßt und ist willkommen. Alle Fragen werden geduldig beantwortet und Kinder auf Wunsch kurz auf den Pferden spazieren geführt. Familie Schneiders schließt man einfach und schnell ins Herz.

Als sie ankündigen, das sie bald weiter gen Osten ziehen werden, beschließen wir einen gemeinsamen Grillabend zu machen. Nach Arbeit radle ich zu den Elbwiesen und verbringe einen wunderschönen Abend mit ihnen, Christiane und ein paar Anwohnern aus dem Dorf. Es wird gegessen, gelacht und munter unterhalten. Der Sonnenuntergang ist wunderschön, die Kulisse ein Traum. Der Moment ist magisch und unvergesslich. Ich verstehe Familie Schneiders. Losgesagt von allen Zwängen, frei und ungezwungen, sicher nicht immer leicht, aber 100% echt. Kein zermahlendes Hamsterrad, Träume und Wünsche hinten angestellt – im „Funktionieren-Modus“. Sie inspirieren mich und viele Leute und vielleicht traut man sich künftig einen Schritt raus der Komfortzone und lässt öfter mal einen Mut-Ausbruch zu und lebt seine eigenen unvergesslichen Abenteuer. Wir verabschieden uns und ich bin mir sicher, eines Tages sehen wir uns irgendwo wieder.

Bis dahin kann man Daniel, Barbara, Sarah und Julian bei Instagram und ihrem Blog unter https://gruenekutsche.weebly.com/ weiterhin verfolgen und ein Stück auf ihrer Reise begleiten.